Der Investiturstreit: Die Dreigliederung der Geschichte

» Zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2009 - 14:32 | Eingetragen: 25. Juni 2005 - 0:36.

Gerhard Schmitz, Proseminar: Der Investiturstreit (Wintersemester 2000/01)

Thema 2: Texte zum Zeit- und Geschichtsverständnis des Mittelalters

3. Die Dreigliederung der Geschichte


Aurelius Augustinus (354-430) nun entwarf im "Enchiridion" (=Handbuch) eine Dreigliederung der Geschichte, die weniger "populär" war als die beiden vorgenannten Modelle: Das erste der intervalla bezeichnet die Periode vor dem Gesetz des Moses (dem Dekalog), das zweite unter demselben, und das dritte unter der Gnade, eine Epoche, die mit der ersten Ankunft des Mediators, d.h. Jesus Christus, begonnen hat. Auch in diesem Fall befindet sich der mittelalterliche Mensch also im letzten Stadium. Interessant wird die Dreiteilung des Augustinus dadurch, dass Joachim von Fiore (1135-1202), ein kalabrischer Abt und Klostergründer, diese trinitarische Geschichtsdeutung aufgriff. Joachim ging davon aus, dass die Heilsgeschichte des Neuen derjenigen des Alten Bundes entspräche (concordia), was ihm - gemäß den Vorgaben des Alten Testaments - die Möglichkeit gab, über das Neue Testament hinaus Prophezeiungen über den Verlauf der Geschichte der Christenheit zu machen. Seine drei "Zustände" (status) der Welt stehen unter dem Zeichen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, wobei sich alle drei überlappen: So geht das erste Zeitalter bis zur Inkarnation, obwohl das zweite schon mit dem alttestamentlichen König Asarja von Juda begonnen hat und bis in die nahe Zukunft andauert. Das dritte schließlich hat zwei Anfänge, den ersten schon während des ersten Zeitalters (bei Elisa), und den zweiten bei Benedikt von Nursia. Wieder befindet sich der Zeitgenosse kurz vor dem Höhepunkt der Geschichte, denn dem sich noch entfaltenden dritten Zeitalter gibt Joachim nur eine kurze Blütezeit. Was seine Geschichsinterpretation aber vor allen anderen auszeichnet, ist, dass er mit der Idee des sich ausbreitenden Mönchtums als erster mittelalterlicher Exeget eine Vision des (geistigen) Fortschritts schon bzw. noch auf Erden liefert; ganz im Gegensatz zu Hieronymus' Interpretation der Statue aus sich nach unten verschlechternden Materialien und Bedas Bild des in sechs Phasen vergreisenden Menschen. Von der Wirkung her ist Joachims Modell nicht zu unterschätzen, und noch zu Lebzeiten erlangte er hohe Achtung als prophezeiender Exeget. Lit.: Robert E. Lerner, Joachim von Fiore, in: TRE 17 (1988) S. 84-88.

(Text: Philip Hahn)

Augustinus, Enchiridion XXXI, 118 (CC 46 S. 112 f., 44-48):

Sic est et dei populus ordinatus per intervalla temporum, sicut deo placuit qui in mensura et numero et pondere cuncta disponit. Nam fuit primitus ante legem, secundo sub lege quae data est per Moysem, deinde sub gratia quae revelata est per primum mediatoris adventum.