Der Investiturstreit: Periodisierungsprobleme

» Zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2009 - 14:31 | Eingetragen: 25. Juni 2005 - 0:33.

Gerhard Schmitz, Proseminar: Der Investiturstreit (Wintersemester 2000/01)

Thema 2: Texte zum Zeit- und Geschichtsverständnis des Mittelalters

Periodisierungsprobleme



Stärker als in anderen historischen Teildisziplinen ist man im Fach "Mittelalterliche Geschichte" mit Periodisierungsproblemen konfrontiert, hat sich das Mittelalter doch sowohl gegenüber der Alten wie der Neueren Geschichte abzugrenzen. Sinnvoll ist eine Periodisierung, wenn sie durch ihre bestimmenden Merkmale eine Epoche in ihrem Wesen charakterisiert und die eine bestimmte Zeit prägenden Ereignisse, Vorstellungen und Strukturen erfaßt. Solche Abgrenzungsprobleme standen am Beginn unseres Seminars.
Unter ‚weltpolitischen' Gesichtspunkten bietet sich für den Beginn des Mittelalters der Untergang des Imperium Romanum, die Völkerwanderung bzw. als einzelnes Ereignis das Ende des Weströmischen Reiches (Absetzung des Romulus Augustulus durch Odoaker; 476 n. Chr.) an. Solchen vornehmlich an der politischen Geschichte orientierten Daten kann man andere Vorgänge gegenüber- bzw. an die Seite stellen: Die Ausbreitung des Christentums bzw. die Expansion des Islam können ebenfalls als wichtige Faktoren aufgefaßt werden (Konzil von Nikäa 325; Christentum als ‚Staatsreligion' unter Theodosius; sog. Hedschra ca. 620 n. Chr.).
Je nach Fragestellung und Blickwinkel ist ein bestimmtes Abgrenzungskriterium mehr oder weniger sinnvoll. Das gilt ebenso für das Ende des Mittelalters und den Übergang zur "Neueren Geschichte". Beliebte Grenzdaten sind hier die Entdeckung Amerikas (1493) oder auch der Thesenanschlag Luthers an der Schloßkirche zu Wittenberg 1517: Unter einem primär kirchengeschichtlichen Gesichtspunkt wird hier die Reformation zur Scheidelinie zwischen Mittelalter und Neuzeit. Das ist zwar im großen und ganzen akzeptiert, aber etwa unter wirtschaftsgeschichtlichen Gesichtspunkten von höchst geringer Sinnhaftigkeit. Insgesamt tut man gut daran, sowohl am Ende der Antike wie zum Beginn der Neuzeit hin Übergangszeiten anzusetzen ("Spätantike") und sich ansonsten darauf zu verständigen, daß das Mittelalter etwa den Zeitraum von ca. 500 bis 1500 umfaßt.

Was den Übergang von der Antike zum Mittelalter betrifft, haben wir drei Modelle ein wenig näher kennengelernt.
1.) Ursprünglich dominierte die Sicht, daß das Römische Reich dank innerer Schwäche und äußerer Angriffe durch die Barbaren "zerstört" worden sei ("Katastrophentheorie"). Diese Auffassung wurde schon vertreten von Eduard GIBBON, History of the decline and fall of the Roman Empire" (1776-78).
2.) Ganz anders ist eine vornehmlich unter wirtschaftsgeschichtlichen Gesichtspunkten entwickelte Sicht, wie sie z. B. Alfons DOPSCH vertreten hat. Wie aus dem Titel seines Buches "Wirtschaftliche und soziale Grundlagen der europäischen Kulturentwicklung. Aus der Zeit von Cäsar bis auf Karl den Großen" (2 Bde., Wien 1918/20) erkennbar ist, vertritt er die These einer langsamen Umwandlung und einer im Grunde kontinuierlichen Entwicklung ("Kontinuitätstheorie").
3.) Eine dritte These ist die sog. "Pirenne-These", zuerst in seinem postum erschienenen Buch "Mahomet et Charlemagne" 1937 erschienen. Pirenne sah durch die Expansion des Islam im 7. Jahrhundert die kulturelle und wirtschaftliche Einheit des antiken Mittelmeerraumes zerstört. Dadurch habe sich der politische Schwerpunkt nach Norden verschoben: Mohammed wäre demzufolge die notwendige Voraussetzung für Karl den Großen, die Ausbreitung des Islam Entstehungsbedingung für das karolingische Reich und damit die Formung Europas. Trotz seiner suggestiven Kraft ist auch dieses Erklärungsmodell letztlich unbefriedigend, denn zum einen treffen nicht alle Annahmen Pirennes zu (Stichwort: Handelskontinuität) und zum anderen erklären sie die Umformungen in den von dieser Expansion nicht oder nur wenig betroffenen Gebieten des Römischen Reiches nicht. Zur Pirenne-Thesis empfiehlt sich das reich bebilderte Werk "Henri Pirenne. Mohammed und Karl der Große. Die Geburt des Abendlandes (1987; Sonderausgabe 1992). Darin findet sich u.a. S. 22-110 eine von Pirennes Sohn Jacques-Henri Pirenne stammende Zusammenfassung von Pirennes Ausführungen. Ferner ein Aufsatz von Bryce LYON, Die wissenschaftliche Diskussion über das Ende der Antike und den Beginn des Mittelalters (S. 7-19).

Eine ganz andere Frage ist es, wie mittelalterliche Theologen und Geschichtsphilosophen über ihre eigene Zeit dachten: Sie glaubten, daß sie in der letzten Epoche einer in vier Reiche oder sechs Zeitalter gegliederten Weltgeschichte lebten, Geschichte ordnet sich hier in einen heilsgeschichtlich verstandenen Prozeß ein, der von der Erschaffung der Welt bis zur Wiederkunft Christi und dem Weltenende reicht (siehe dazu Philipp Hahn).